10. August 2026

Digitalstadt Paderborn: Wo Digitalisierung Tradition hat und Zukunft gemacht wird

Vom Heinz-Nixdorf-Erbe über die Open Library bis zum autonomen Cab im Zukunftsquartier: Paderborn ist ein organisch gewachsenes IT-Ökosystem und Digitale Modellregion. Ein Blick auf das, was den Standort heute prägt und was als Nächstes kommt.

Wenn in Paderborn von Digitalisierung gesprochen wird, fällt früher oder später ein Name: Heinz Nixdorf. Der Computerpionier, Unternehmer und Wegbereiter hat aus der ostwestfäli-schen Großstadt einen modernen Industriestandort gemacht – mit Universität, Autobahn A33, Flughafen und einer Mentalität des Unternehmertums, die bis heute nachwirkt. Im letzten Jahr wäre Nixdorf 100 Jahre alt geworden; ein großer Festakt – unter anderem mit Ministerpräsident Hendrik Wüst – würdigte sein Lebenswerk. Erlebbar ist es bis heute im nach ihm benannten Heinz Nixdorf MuseumsForum, dem weltweit größten Computermuseum.

"In Paderborn ist Digitalisierung gelebte Tradition und nicht einfach nur ein Buzzword", fasst Bürgermeister Stefan-Oliver Strate zusammen. "Wir verbinden das Erbe von Heinz Nixdorf mit modernster Spitzenforschung und einer pragmatischen Macher-Mentalität. Paderborn ist die Stadt, in der der Computer an den Arbeitsplatz kam und heute ist es die Stadt, in der wir zeigen, wie Digitalisierung dem Menschen im Alltag dient."

Die Wurzeln tragen heute eine breite Krone: Die Universität Paderborn mit rund 18.000 Studierenden gehört zu den Taktgebern im MINT-Bereich, das Heinz Nixdorf Institut (HNI) forscht interdisziplinär an den intelligenten technischen Systemen von morgen. Den entscheidenden Schub bekam die Stadt 2017 mit dem Bitkom-Wettbewerb "Digitale Stadt". Daraus erwuchs die Digitale Modellregion OWL (2018-2022) mit über 16 Modellprojekten in Sicherheit, Energie, Bildung, Mobilität und E-Government. Heute ist Paderborn Modellprojekt Smart City des Bundes und arbeitet im DigitalBüro OWL unter dem Dach der OstWestfalenLippe GmbH gemeinsam mit Nachbarkreisen und -städten an der Digitalisierung der Region.

Smart City spürbar im Alltag

Wie sich diese Strategie für Bürgerinnen und Bürger konkret bemerkbar macht? An ziemlich vielen Stellen.

Fotos: Stadt Paderborn

Die Stadtbibliothek Paderborn – "Bibliothek des Jahres 2021" – ist eines der sichtbarsten Beispiele. Mit der Open Library ist sie 84 Stunden pro Woche geöffnet, ohne Personal, an 365 Ta-gen im Jahr. Ein digitales Zugangsportal lässt Besucher selbstständig hinein, eine inklusive Gaming-Ecke mit Eye-Trackern und adaptiven Controllern ermöglicht digitale Teilhabe unab-hängig von körperlichen Voraussetzungen, in der "Bibliothek der Dinge" kann man Technik ausleihen. Rund 20.000 aktive Kunden und etwa 1.200 Besucherinnen und Besucher pro Tag sprechen für sich.

Ähnlich konsequent funktioniert das intelligente Parkraummanagement: Erstmals sind in einer Innenstadt alle Stellplätze vollständig erfasst – in Parkhäusern, auf Parkplätzen und straßenbegleitend. 96 Sensoren überwachen 470 On-Street- und 990 Off-Street-Parkplätze; ein digitales Parkleitsystem lotst Besucherinnen und Besucher zu freien Plätzen, die App parco ergänzt das Angebot. Die Anzeigeelemente sind frei bespielbar – künftig lassen sich darüber auch Verkehrssperrungen, Staus oder Warnungen ausspielen.

Sogar im Schwimmbad sorgt Technik für mehr Sicherheit. In der Schwimmoper überwachen 17 Kameras in bis zu neun Metern Höhe die Bewegungsabläufe im Wasser. Eine KI erkennt unregelmäßige Schwimmbewegungen und schickt im Ernstfall – wenn eine Person 30 Sekunden unter Wasser liegt – einen Alarm direkt auf die wasserfeste Galaxy Watch der Bademeister, inklusive Bild und 3D-Position. Seit mehreren Monaten im Live-Betrieb, haben die Alarme schon mehrfach angeschlagen. Die Bademeisterinnen und Bademeister sind sehr zufrieden.

Wer mit der Verwaltung zu tun hat, findet seine Dienstleistungen gebündelt im Serviceportal mein-digiport.de – 24/7, vom Antrag über Termine bis zur Information. Und beim Energienetzbetreiber Westfalen Weser zeigt der EnergieKompass Bürgerinnen, Bürgern und Kommunen verständlich, wie Stromerzeugung und -verbrauch zusammenspielen – mit besonderem Augenmerk auf dem Autarkiegrad.

KI und digitale Verwaltung: Praxis statt Pilotprojekt

Im Hintergrund arbeitet die Stadt seit 2022 mit einer eigenen Digitalstrategie, die jährlich fortgeschrieben wird. In sogenannten Strategiedialogen mit den Fachämtern wird gemeinsam erarbeitet, wie ein zukunftsfähiges Amt aussieht – nicht einfach "Software in ein Amt bringen", sondern digitalorientierte Organisationsentwicklung. Nach drei Jahren stehen 2026 elf Projekte vor dem Abschluss.

Konkret heißt das zum Beispiel: Das Sozialamt arbeitet inzwischen in allen Bereichen durchgehend digital, das Nachreichen von Unterlagen per QR-Code und Smartphone wird stark genutzt. Die Ausländerabteilung setzt mit der KI-Software LexBescheid auf maschinelle Unterstützung beim Erstellen komplexer Bescheide, eine neue PIK-Station beschleunigt Registrierungen, Übersetzungscomputer und Self-Service-Terminals reduzieren Wartezeiten. Im Bauordnungsamt soll noch 2026 eine digitale Kollaborationsplattform eingeführt werden.

Die Bausteine dahinter: RPA (Robotic Process Automation), Low Code für bis zu zehnmal schnellere Entwicklung und KI an gezielten Stellen.

Gleichzeitig entsteht eine KI-Strategie für OstWestfalenLippe, initiiert durch das DigitalBüro OWL. Das Prinzip: gemeinsam entwickeln, alle dürfen nutzen, wie etwa eine souveräne KI-Infrastruktur oder einen KI-Compliance-Check. Auch das Thema Sicherheit wird mitgedacht: Seit über zehn Jahren setzt die Stadt eine etablierte Application-Control-Lösung ein, 2026 kommt eine moderne EDR/XDR-Lösung für die Client-Infrastruktur dazu.

IT-Wirtschaft: Symbiose der kurzen Wege

Hinter der digitalen Stadt steht ein bemerkenswert dichtes Wirtschafts-Ökosystem. Der Anteil der Beschäftigten in Information und Kommunikation liegt im Kreis Paderborn bei 5,9 Prozent – fast 8.000 Beschäftigte – während der bundesweite Durchschnitt nur bei 3,4 Prozent rangiert. Global Player wie dSPACE (Weltmarktführer für Simulation, 1.600 Mitarbeitende am Standort) oder Diebold Nixdorf sind hier verwurzelt, flankiert von Mittelständlern wie S&N Invent (Banking-Software) oder der TEAM GmbH (Logistik) und vielen weiteren.

Das Besondere: die Nähe. Beim SICP – Software Innovation Campus Paderborn arbeiten in der Zukunftsmeile 2 über 30 Unternehmen und 30 Professorinnen und Professoren Tür an Tür an digitalen Lösungen. Im Spitzencluster it’s OWL werden Industrie 4.0 und "Industrie.Zero" in über 500 Projekten umgesetzt. Das Gründungszentrum Startup Campus OWL zählt zu den erfolgreichsten Inkubatoren Deutschlands – mit Geschichten wie Unchained Robotics oder Cargoboard. Nachwuchs für all das liefert eine durchgängige Bildungskette vom Schülerlabor coolMINT und der Initiative zdi.Paderborn über das bib International College bis zur Universität.

"In Paderborn sitzen der Weltmarktführer, der Universitäts-Professor und das junge Start-up oft am selben Tisch", fasst der Bürgermeister diese Konstellation zusammen, "und das nicht nur beim Kaffee, sondern in gemeinsamen Forschungslaboren wie dem SICP. Wir bieten IT-Unternehmen das, was sie am dringendsten brauchen: direkten Zugang zu MINT-Talenten und ein Umfeld, in dem 'Machen' wichtiger ist als 'Reden'."

Wohin die Reise geht: Quantencomputer, Cabs und Rechenzentren im Windrad

Während andernorts noch über KI geredet wird, bereitet Paderborn schon den nächsten Sprung vor. Das Institut für Photonische Quantensysteme (PhoQS) der Universität forscht an lichtbasierten Quantencomputern, die – anders als viele Konkurrenzmodelle – bei Raumtemperatur arbeiten können. Das Paderborner Unternehmen WestfalenWIND IT baut Rechenzentren direkt in die Türme von Windkraftanlagen – ein weltweit einzigartiges Konzept, das 2025 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewann.

Das vielleicht spektakulärste Vorhaben ist die Neue Mobilität Paderborn (NeMo): ein schwarmbasiertes System, in dem kleine, autonome Cabs Bürgerinnen und Bürger vor der Haustür abholen und sich auf Hauptstrecken zu Konvois zusammenschließen. Erste Demofahrten fanden bereits im April 2025 am Flughafen statt; 2026 sollen Tests auf den Straßen des Zukunftsquartiers folgen – einer 54 Hektar großen ehemaligen Konversionsfläche der Barker-Barracks, auf der einmal bis zu 7.000 Menschen leben und 4.000 Arbeitsplätze entstehen sollen. Parallel entwickelt die Benteler-Tochter HOLON in Paderborn autonome Mover für den weltweiten Einsatz; das Start-up Ladeplan sagt mit KI optimale Standorte für Ladesäulen voraus.

Auch im Modellprojekt Smart City entsteht gerade ein digitaler Zwilling für die Stadtplanung: Verschiedene Szenarien können durchgespielt werden, Kennzahlen aus Planungsrecht, Klimawirksamkeit und sozialer Infrastruktur werden automatisch mitgerechnet. Im Storytelling-Modus lassen sich Bürgerinnen, Bürger und Politik anschaulich beteiligen.

Pragmatisch, vernetzt, machbar

Bei aller Begeisterung bleibt Paderborn realistisch: Wie viele Kommunen befindet sich die Stadt in einer angespannten Haushaltslage. Umso wichtiger ist es, jene Projekte zu fokussieren, die spürbaren Nutzen stiften und die Verwaltung schlanker, dienstleistungsorientierter und zukunftsfähiger machen.

Was Paderborn dabei auszeichnet, ist eine eigene Art, Digitalisierung zu denken: als Tradition und als Netzwerk. Oder, mit den Worten des Bürgermeisters: "Die Antworten auf die großen Fragen der digitalen Zukunft kommen nicht nur aus Kalifornien oder China, sondern ganz konkret aus Ostwestfalen-Lippe."

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