21. Mai 2026

Handy weg, Hirn an

Neue Folge "Wissen2Wirtschaft": Psychologe Sven Lindberg über Smartphone-Hygiene statt Verbot

Schon das ausgeschaltete Smartphone auf dem Schreibtisch senkt die Konzentration um 12 bis 15 Prozent. Das zeigt eine Studie von Prof. Dr. Sven Lindberg von der Universität Paderborn. In der neuen Folge von "Wissen2Wirtschaft …und zurück" erklärt er, warum Verbote zu kurz greifen und was stattdessen hilft.

Lindberg ist Professor für klinische Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn. Gemeinsam mit Doktorandin Jeanette Skowronek hat er untersucht, wie das Smartphone unsere Aufmerksamkeit beeinflusst. Das Ergebnis: Liegt das Gerät in Sichtweite, sinkt die Konzentrationsleistung um 12 bis 15 Prozent. Auch dann, wenn es ausgeschaltet ist. Die Studie zitierte unter anderem die New York Times. Im Podcast der Universität und der Wirtschaftsförderung Paderborn (WFG) spricht Lindberg mit Moderatorin Selina Hare über die Folgen für Schule, Familie und Arbeitswelt.

Smartphone-Hygiene statt Verbot

In Australien gilt seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren. Auch in Deutschland wird darüber diskutiert. Lindberg hält das für zu kurz gedacht. Er plädiert für klare Regeln im Alltag: in Schulen, Familien und Unternehmen. Den Begriff nennt er "Smartphone-Hygiene". Gemeint sind feste Zeiten und Orte ohne Gerät, wie etwa beim Essen, vor dem Schlafengehen oder in Lernphasen.

Warum "Gehirn lüften" mit Reels nicht funktioniert

Ein häufiger Reflex im Arbeitsalltag: kurz das Handy zur Hand nehmen, durch Reels scrollen, den Kopf freibekommen. Genau das ist laut Lindberg das Falsche. Das Gehirn brauche für echte Erholung den sogenannten Default-Mode, einen Ruhemodus ohne neue Reize. "Wenn du dein Gehirn lüften möchtest, also einfach mal Gedanken schweifen lassen, dann machst du da tatsächlich genau das Falsche, weil die Reize, die durch die einzelnen Reels kommen, immer wieder diesen Aufmerksamkeitsmodus anschmeißen", sagt Lindberg im Podcast. Sein Tipp: Handy aus, kurz spazieren gehen, Bäume anschauen, Hund streicheln.

Relevanz für Unternehmen

Was für Schule und Familie gilt, gilt auch für Büros und Werkstätten. Wer konzentriert arbeiten will, braucht Phasen ohne Bildschirmreize. Klare Regeln zum Smartphone-Umgang in Meetings, Fokuszeiten ohne Push-Nachrichten oder bewusst gerätefreie Pausen können die Produktivität spürbar erhöhen. Lindbergs Forschung liefert dafür die wissenschaftliche Grundlage.

Paderborn als Positivbeispiel

Beim Blick auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen sieht Lindberg Paderborn gut aufgestellt. Die ausgeprägte Vereinskultur und ein funktionierender ÖPNV bieten Alternativen zum Bildschirm. Bewegung, soziale Kontakte und eigenständige Mobilität seien wichtige Gegengewichte zum digitalen Konsum.

"Wissen2Wirtschaft …und zurück" ist der gemeinsame Podcast der Universität Paderborn und der Wirtschaftsförderung Paderborn. Die zweite Staffel erscheint alle zwei Wochen donnerstags. Alle Folgen sind auf wissen2wirtschaft.de und überall dort verfügbar, wo es Podcasts gibt.

Foto (WFG/Tobias Vorwerk): Moderatorin Selina Hare im Gespräch mit Prof. Dr. Sven Lindberg von der Universität Paderborn bei der Aufnahme der neuen Folge von "Wissen2Wirtschaft …und zurück".
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